#freitagsklatsch

Ich muss einmal meinen Dank unterbreiten. Mich haben durch das ehrliche Bloggen um das Leben mit unserer behinderten Tochter mehr Nachrichten erreicht als ich jemals geahnt hatte. Vielmehr hatte ich mit Nachrichten oder Kommentaren gerechnet, die mir ins Gesicht klatschen und denken, dass ich Mitleid möchte. Oder was auch immer. Schließlich bin ich ein Mensch, der stets Schlechtes von anderen erwartet.

In diesem ganzen letzten Jahr habe ich immer wieder inne gehalten und über meine Gefühle nachgedacht. Der Wunsch nach einer einfachen, festen Umarmung. Die Hilflosigkeit und Einsamkeit, die in Überforderung endete, weil es keinen Rat und keine helfende Hand gab. An vieles kann ich mich nur noch dunkel erinnern, weil irgendwie zu viel auf einmal auf mich zukam. Und solange mich diese Trauer um ein Leben, was ich mir für meine Kinder gewünscht hatte, gefangen hielt, konnte ich auch nicht so straight wie jetzt leben. Es ging einfach nicht. Wir standen (und tun dies noch heute) vor vielen Hürden. Und nie ging es wirklich voran. Es gab keine Perspektive, keine Idee wie es sein könnte.

Nun sitze ich hier und fühle mich unglaublich stark. Nicht nur, weil wir das Schlimmste geschafft haben, sondern, weil ich so viel gelernt habe. Weil ich an mir selbst gearbeitet habe. Weil ich weniger wichtig finde, dass ich in den Rahmen passe, sondern lieber zufriedene Kinder habe. Damit verbunden auch selbst viel ausgeglichener bin als vor einem Jahr. Damals … wirklich, es fühlt sich wie Jahre an – da hätte ich am liebsten stundenlang geheult, wenn die Mausi weinte, weil sie hunger und bauchweh hatte aber nicht mehr als 60ml Milch am Stück geschafft hat und dann auch noch der Räuber irgendeine Kleinigkeit wollte. Sei es nur eine Frage stellen.

Ich weiß noch wie wütend ich war als man uns sagte, dass man uns nicht helfen kann. Ich musste mitten auf einer Landstraße aus dem Auto steigen, meine Wut hinaus schreien und weinen, um danach einfach zusammen zu sacken. Völlig entkräftet und traurig. Traurig, weil es doch in einem so sozialisierten Land nicht sein kann, dass es niemanden gibt, der einem in so schwierigen Lebenslagen zur Seite steht.

Seitdem ich dies klarer sehe, weiß ich, dass es anderen Menschen gut tut, zu lesen, das es okay ist in schwierigen Lebenslagen überfordert zu sein. Wichtig ist einfach, dass man nicht aufgibt. Immer nach einem Ausweg sucht. Versucht immer wieder zu sich selbst zurück zu kehren. Selbstreflexion. So ist es mir auch nicht peinlich, dass vor einem Jahr noch YouTube ausgewählt hat, welche Lieder eingespielt wurden während ich die Mausi durchs Wohnzimmer trug. Das durfte morgens um 4 auch Alligatoah sein. Heute ist das undenkbar. Ich muss meine Kleinkinder, die mehr und mehr verstehen, nicht mit dieser Musik konfrontieren. Wir hören also fast ausschließlich Kindermusik, wobei auch diese uns mitunter sauer aufstößt, wenn die Affen sich gegenseitig kalt machen usw.

Ich habe viele Brücken abgebrochen. Eigentlich bin ich einsam. Andererseits war ich es vorher auch schon. All diese Brücken … das hat nichts an der Qualität meines Lebens geändert. Es sind Menschen, die zwar fragen wie es einem geht, es aber überhaupt nicht wissen wollen. Es sind Menschen, denen es unangenehm ist über die weniger schönen Dinge des Lebens zu sprechen. Aber hey, auch dieses Leben hat einen Namen! Und so schlichen sich Bekanntschaften aus. Es hat sowieso niemand genau dann Zeit, wenn es mit zwei Kindern machbar ist. Und ich muss meinen Mann nicht mit zwei Kindern, die autonom sind und Schlafprobleme habe, abends zum Höhepunkt der schlechten Laune allein lassen. Das ist den dreien gegenüber nicht fair.

Letztendlich muss ich gestehen, dass es ganz angenehm ist. Mit zwei Kindern, die nicht der Norm entsprechen, Treffen zu organisieren – und das beginnt bereits beim anziehen – ist einfach eine Hürde, die ich für nur wenige Menschen nicht gern in Kauf nehme. Ich meine, wir könnten in Jogger und Co. einfach losdüsen. Aber dafür bin ich mir letztendlich auch zu schade. Schließlich habe ich auch einen Anspruch an mich selbst.

Es ist einfacher ohne Menschen, die auch noch Ansprüche stellen, die ich einfach nicht erfüllen möchte. Das erinnert mich an das Lied von Unter meinem Bett, was Der grimmige, alte Mann heißt. Es wird mitunter gesungen, was der Mann wohl erlebt hat, dass er nun Enten im Teich vergiften geht (wenn ich mich richtig erinnere). Und so frage ich mich auch oft genug, ob diese Welt mit ihrem Egoismus – Das macht hier jeder so – mich zu dem macht, was ich bin oder Menschen wie ich einfach gar nicht in diese Welt passen.

Ich kann wunderbar schlecht über andere sprechen, mich über Kleinigkeiten aufregen und jedem die Schuld in die Schuhe schieben. Ich kann mir allerdings auch große Sorgen um fremde Kinder machen, weil mein Mitgefühl, meine Empathie Reserven für mehr als zwei Welten hat. Ich kann wunderbar für etwas kämpfen, was mir wichtig ist. Ich würde sogar das ein oder andere Studium aufnehmen, um daraus mehr zu machen, nützlich zu sein – wenn meine Prioritäten nicht bei meinen Kindern liegen würde. Und würde man mich um Hilfe bitten, könnte ich so gut wie nie Nein sagen. Aber dementsprechend nachtragend bin ich auch.

Und genauso ist es mit diesem Blog. Ja, ich mag das voll gern. Ja, ich gebe mir Mühe. Ja, es wäre klasse daraus eine Selbstständigkeit aufzubauen. Und ja, ich hatte bereits daraufhin gearbeitet. Aber nein, nicht um jeden Preis. Ich habe schon vor langer Zeit erkannt, dass es mir wichtiger ist auf Kita und Co zu verzichten, die Kinder selbst zu betreuen und zu fördern, als stundenlang vor dem Social Media Kram zu hängen, mich zu verkaufen und am Ende nicht mehr authentisch zu sein. Die Kooperationsangebote vom Anfang habe ich alle freundlich abgelehnt. Und es war okay. Es tat mir nicht weh. Hat mir keinen Stich versetzt. Und auch heute ist es okay.

Ich folge trotzdem gern kleinen und großen Bloggern oder nur Instagramprofilen, die nicht einmal ein kleines Licht im weiten Universum sind. Vergleichsweise. Und, wenn ich Kritik äußere, sauer bin, weil man darauf nicht sozial reagieren kann, sondern beleidigt – tja, dann ist das kein Neid. Dann ist das ein handfester Streit, der entsteht, weil zwei Menschen nicht miteinander kommunizieren können. Etwas fieses im World Wide Web.

Wirklich neidisch bin ich nicht auf Erfolg, sondern auf ein Elternpaar, die sich getrennt haben aber ihren Sohn immer noch im Einklang großziehen. Wenn der Papa ganz entspannt berichtet, dass Sohnemann zum Umgang bei der Mama ist. Ohne Missgunst, ohne Erpressung und all dieser Sachen, die zwischen getrennten Eltern in fast allen Fällen stattfinden. Abwertung: du bist nicht gut genug mein Kind groß zu ziehen.

Da empfinde ich tiefsten Neid. Absolut. Ich empfinde auch Neid, wenn andere berichten wie toll die Betreuung ihrer Kinder ist. Wie sehr sie auf die Bedürfnisse eingehen. Wie sie Eltern, zB beim Kochen mit einbeziehen. Oder es eine Vielfalt von Angeboten gibt. Auch da bin ich neidisch. Mein Anspruch an fremde Menschen, denen ich meine Kinder anvertrauen möchte, ist hoch. In so einem Bundesland wie Mecklenburg-Vorpommern mit der Infrastruktur und dem Bildungsdurchschnitt … für mich ist es das reinste Trauerspiel. Aber ich habe mich damit abgefunden und versuche das Beste daraus zu machen.

Warum ich das alles hier thematisiere? Es gibt einfach zu viele Menschen, die ekelig sind. Bruchstücke aus dem Zusammenhang reißen, Vorwürfe machen, abwerten, diskriminieren und beleidigen. Klar, mich ärgert das. Aber – und da ist wohl wieder die Intelligenz der Selbstkrontrolle/Reflexion zu erkennen – ich kann damit umgehen. Ich muss deshalb nicht ebenfalls beleidigen, Wutausbrüche oder ähnliches bekommen. Denn, wenn ich eines gelernt habe: ich selbst bestimme wie ich mich fühle.

Ich ärgere mich also über diese unsoziale Art eines Menschen und habe dann einfach Mitleid. Ich habe Mitleid, weil dieser Mensch so schlechte Erfahrungen gesammelt haben muss, dass es sich wohl mit zunehmendem Alter nicht mehr gelohnt hat sich zu bemühen. Denn, und hier zitiere ich sinngemäß: ich bin noch jung und glaube, dass ich die Welt verändern kann.

Falsch. Ich habe einfach noch nicht aufgegeben. Jeder neue Tag ist ein neuer Anfang. Jeder neue Tag ist ein Tag ohne Narzissmus (hat was mit Erziehung und nicht mit der Politik zutun). Jeder neue Tag ist ein Tag mit lieben Menschen. Ich kann also beruhigt sagen, dass es sich lohnt mutig, ehrlich und zuversichtlich zu sein. Ich werde in 10 Jahren genauso wenig aufgeben wie jetzt. Das bin ich mir selbst schuldig. Denn das macht die Qualität meines Lebens und somit auch die Qualität des Lebens meiner Familie aus.

Wer also stalkt und meint, man müsse mir irgendetwas vorwerfen, weil man einen einzigen Kommentar gelesen hat und einfach Solidaritätsbeleidigen an den Tag legt – dann mach es einfach. Es wird dir danach aber nicht besser gehen. Diese Genugtuung ist etwas, was dich weiter zerfrisst. Es ist das, was dich vergessen lassen hat, dass jeder Tag ein neuer Tag ist. Und genau deshalb habe ich einfach Mitleid mit dir. Du wirst bei mir niemals das erzielen, was du dir wünscht. Du wirst mir nicht wehtun können. Dazu bin ich einfach zu stark. Du kriegst mich nicht klein.

Und ganz vielleicht denkt der eine oder die andere einmal darüber nach. Das Leben ist so viel wertvoller als das.

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