#freitagsklatsch

Und schon haben wir September – den ersten. Also Erntedanktag. Und mir bleibt wieder die Wahl euch den schmutzigen Spiegel, der euer Antlitz ins Bild nimmt, vor das Gesicht zu halten oder mich an den schönen Dingen des Lebens zu erfreuen.

Ich erzähle euch stattdessen eine kurze Begegnung von letztens, als meine Schwester ein paar Tage bei uns verbrachte und mir damit eine Spätschichtwoche des Liebsten versüßte. Wir waren in der Stadt bummeln, früh morgens, um schon die ersten Herbstsachen für die Kinder zu kaufen.

Der Räubi fuhr auf seinem Laufrad vor. Es kam ein Geldtransporter die Einkaufsstraße herunter gefahren. Der Räubi starrte das Auto an. Ich wusste schon, dass ich mich darauf gefasst machen musste und rief dann auch schon los, dass er nicht auf das Auto zufahren soll, sondern anhalten soll.

Das Problem beim Steuern eines Gefährtes ist, dass man in der Regel dahin lenkt, wo man hinguckt, weshalb so viele Autofahrer ja auch gegen den Baum fahren. Denn, wenn ich einen Baum angucke und mir denke: fahre bloß nicht dagegen – passiert genau das mit hoher Wahrscheinlichkeit, als, wenn ich den Baum einfach ignoriere und ausblende.

Ich lief also hin und erklärte, dass es ganz doll gefährlich ist und er stehen bleiben soll, wenn ein Auto kommt. Ich habe ihn immer im Blick, wenn wir unterwegs sind und er eines seiner Fahrzeuge fährt. Und trotzdem muss ich eben auch damit rechnen, dass er in ein Fahrzeug fährt, welcher er gesehen hat.

Das Ganze Geschehen beobachtete ein Mann, der in unserer Nähe in dieselbe Richtung lief. Ich hatte bemerkt, dass er da war aber keine Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt. Als wir dann einen Laden betreten wollten, sprach er mich an und ich war dann schon etwas pikiert.

Dieser Mann stunk zum Himmel. Nach Alkohol und ungewaschenem Mann. Er machte zwar keinen all zu schlimmen, äußerlichen Eindruck, war aber auch nicht gerade sauber. So entschuldigte er sich, weil er zwei Nächte durchgefeiert hätte. Aber er wollte mir unbedingt sagen, dass ich das toll mache. Er sei Arzt und sehe So was und wollte … tja, er wollte es mir sagen, weil – den Grund hatte er vergessen.

Er kam mir für meinen Geschmack etwas zu Nahe und ich fühlte mich unwohl. Ich war aber trotzdem nett, bedankte mich und wünschte ihm nach den zwei Partynächten erholsamen Schlaf. Ich konnte ihn ganz gut abwimmeln als der Räuber wieder abhauen wollte und sich damit unsere Wege trennten.

Man sagt ja immer, dass nur Kinder oder Betrunkene die reine Wahrheit sagen können, weil sie nicht die Scham besitzen ihr Innerstes nach außen zu stülpen wie andere.

Ich hatte mich eine ganze Weile lustig Menge gemacht, dass mir das passiert ist. Eben auch, weil mir der Mensch in dem Augenblick eher unangenehm war und ich Berührungsängste hatte. Zwischendurch habe ich mich gefragt, warum ein angeblicher Arzt so traurig und betrunken durch dir Stadt laufen muss. Ich habe an meinen Mann gedacht und an das, was man alles mit ihm gemacht hatte – einfach so aus Trotz oder, weil man seinen eigenen Vorteil haben wollte. Und mir tat der Mensch plötzlich leid. Ich wusste nämlich, dass ein einziger Moment sein komplettes Leben zu etwas Besserem als dem Alkohol hätte werden lassen können.

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Leben und leben lassen – nur so kann man gemeinsam an das jeweilige Ziel kommen. Akzeptieren, dass es nicht nur so geht wie man selbst es will oder erwartet. Sich neuen Dingen gegenüber öffnen und über seinen eigenen Schatten springen. Und ein ganz wichtiger Punkt ist das Verzeihen.

Man selbst macht genug Fehler. Umso wichtiger ist es, dass man sich diese eingesteht, sich selbst und im gleichen Atemzug auch anderen verzeiht. Das Leben ist oft nicht einfach. Und wir können so viel mehr als wir glauben – unter anderem auch ungezwungenen, respektvollen Kontakt zu Personen pflegen, die wir eigentlich nicht mögen wollen. Einfach für das höhere Wohl. Für jemand anderes, der einem wichtig ist.

Ich mache es also gut. Ein betrunkener, fremder Mann schenkte mir Anerkennung und brachte mich zum Nachdenken. Während Mitglieder aus unseren Familien das Gegenteil machen. Weil sie verletzt sind und ihr Stolz nichts anderes zulässt als um sich zu schlagen. Ob das der richtige Weg ist eine Bindung zu erhalten?

Loslassen. Das ist so viel mehr als man glaubt. Das sind alte Muster, von denen man sich befreit oder Menschen, die einen einengen und das eigene Leben fremdbestimmen wollen. Das sind Kinder, die man schweren Herzens frei gibt, damit sie hoffentlich irgendwann von selbst zu einem zurück finden.

Das geht aber nur, wenn man verzeihen kann. Sich selbst und anderen. Das geht nur, wenn man die Stärke besitzt, sich Fehler eingestehen zu können.

Blut ist – in der Regel – dicker als Wasser. Schlägt man jedoch falsche Wege ein, dann verliert man alles, was einem wichtig war.

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