bockendes Kind und die lieben Grenzen

Ich weiß gar nicht wie oft ich schon angesetzt habe, um über ein schwieriges Thema zu bloggen. Denn in der Regel stoße ich mit meinen Ansichten auf Gegenwehr und Kontaktabbruch. Manchmal von meiner Seite, weil ich keine Lust habe mich als blöd darstellen zu lassen, manchmal, weil die Wahrheit – der Spiegel – in den andere dann sehen müssen zu viel Schmerz verursacht.

Seit meiner ersten Schwangerschaft habe ich etliche Phasen durchlebt, was die Erziehung betrifft. Dabei nicht nur als Mutter, sondern auch als Bonusmutter. Ich muss gestehen, dass ich nicht immer perfekte Lösungen hatte. Teils, weil ich einfach keine Ahnung hatte, teils, weil die Umstände – das Umfeld – auch nicht zugelassen hat, dass es besser wird.

Ich wurde von einer Bekannten, die ich in der ersten Schwangerschaft kennen gelernt habe, auf den Familientherapeuten Jesper Juul gestoßen. Vorher kamen mir Begriffe wie Attachment Parenting und Co. unter die Nase.

Anfangs wehrte ich mich dagegen. Für mich bedeutete es nämlich nichts anderes als: ich akzeptiere, was mein Kind möchte und lasse es dann einfach machen. Niemals wollte ich, dass ich solange warte, bis eins der Kinder selbst sagt, dass es ins Bett möchte, nur, um nicht einfach meinen Willen aufzuzwingen.

Aber ich habe verstanden und gelernt. Es gibt eine Mutter auf Instagram, der ich sehr gern folge, weil sie so toll erklärt und sich für die Aufklärung einsetzt: piepmadame

Demnach halte ich mich an folgende Grundsätze fest, damit unsere Kinder behütet und frei zugleich aufwachsen können. Natürlich bin auch ich nur ein Mensch. Und nach einer fiesen Zahnungsnacht mit viel Geschrei und noch viel weniger Schlaf bin auch ich weniger geduldig und manchmal unfair, sodass ich doch das eine oder andere Mal zu Strafen greife, was ich absolut nicht möchte. Ein Beispiel dafür ist: der Räuber fährt mit seinem Quad um uns herum, während die Mausi und ich auf der Decke spielen. Dabei wird er übermütig und fährt mir über die Finger – für mich eine absolute Überschreitung meiner persönlichen Grenze. Ich sage ihm also, dass ich nicht möchte, das er mir über meine Finger fährt. Das ermutigt ihn anscheinend Selbiges erneut zutun. Für mich war an diesem Punkt dann Schluss, ich habe das Quad genommen und weggesteckt. Dabei habe ich noch einmal kurz gesagt, warum ich das so mache. Natürlich wird das mit Protest, Geschrei und Tränen begleitet. Zu Recht. Denn im Prinzip hätte ich ihm auch eine Aufgabe geben können, die ihn davon abgelenkt hätte, mir noch einmal über die Finger zu fahren. Oder ich hätte ein lustiges Spiel daraus machen können, indem wir im Kreis laufen und fahren. Stattdessen habe ich meinen Frust und meine Müdigkeit zu seinem Frust gemacht. Aber: reflektieren ist schon einmal ein guter Weg Richtung Besserung.

Mein Prinzip lautet also:

  1. Nicht die Grenzen den Kindern aufzwingen im Sinne von Ich will das so und solange du die Füße unter meinem Tisch hast, machst du, was ich sage, sondern deutlich zeigen, wo die eigenen Grenzen sind und dabei die persönlichen Grenzen der Kinder respektieren (eine Oma, die dem Kind in die Wange kneift, überschreitet die persönlichen Grenzen des Kindes; ein Kind ins Zimmer sperren, weil es protestiert/weinend Gefühle ausdrückt ist freiheitsraubend und das Kind wird in seinen Bedürfnissen übersehen …)
  2. Genug Zeit vor Terminen einplanen und den Ablauf zeitig genug immer wieder erklären (Wir müssen uns nachher anziehen, weil wir zur Logopädie müssen.)
  3. Bei ungeliebten Pflichtterminen immer etwas Positives für das Kind in Aussicht stellen, damit es merkt, dass es nicht zu kurz kommt und Qualitytime die elterliche Liebe stützt. (Danach spazieren wir zum Bäcker, holen uns etwas Leckeres und gehen auf den Spielplatz.)
  4. Wenn ich emotional unausgeglichen bin (Schlafmangel, Terminstress, Druck der Gesellschaft, dass die Kinder bei Arztterminen und Co. funktionieren), dann ist es ganz wichtig sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, wofür man steht. Da kann ein Mantra helfen Ich bleibe meinen Prinzipien treu. Ich kämpfe FÜR meine Kinder. Man kann sich aber auch fragen, ob man jetzt wirklich zetern muss, weil die eigenen Grenzen überschritten werden oder, ob es die narzisstischen Grundsätze, die man von seinen eigenen Eltern aufgedrängt bekam, sind, die einem dazu verleiten dem Kind gegenüber unfair zu werden.

Da kämen wir zum nächsten Thema. Die meisten kennen ja dieses Ein Klaps auf den Hinterkopf erhöht das Denkvermögen. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere und mir ähnliche Situationen ins Gedächtnis kommen, dann fühle ich, wie es mich einengt, mir die Luft abschnürt, weil ich mich gedemütigt gefühlt habe. Und dann kommt ganz unweigerlich die Schlussfolgerung, dass ich nicht möchte, das meine Kinder sich so fühlen.  Für mich hatte das zur Folge, dass ich als Erwachsene keine Autorität anerkenne, sobald man mich als Mensch nicht respektiert. Das kann ein ganz einfacher Satz sein, wie: Du musst dir diesen Stellenwert erst erarbeiten.

Falsch. Ich muss mir keine Anerkennung erarbeiten. Entweder respektiert man mich als vollwertigen Menschen oder ich gehe meinen Weg ohne die entsprechende Person. Das Problem unserer Gesellschaft liegt darin, dass die Menschen es nicht gewohnt sind in solchen Fällen Gegenwehr zu erhalten. Dementsprechend sauer und trotzig reagieren sie. Das ist natürlich für einen weiteren, gemeinsamen Weg kontraproduktiv. Denn in solchen Fällen überlege ich mir ganz genau wie viel Mensch dieser Sorte ich an meinem Leben teilhaben lassen möchte.

Sägt man also am Ast meiner Integrität als Mutter, sortiere ich schärfer aus als andere. In solchen Fällen ist es eher positiv, dass ich mich von anderen Autoritäten nicht begraben lasse. Aber es gibt auch Konstellationen, in denen das weniger positiv ist. Das betrifft zum Beispiel das Angestelltenverhältnis zum Arbeitgeber. Ganz blöde Situation: die erste Schwangerschaft. Der Frauenarzt erklärte mir, dass ich eine Arbeitgeberbescheinigung bräuchte. Bezahlte und trug ich zum Arbeitgeber. Dieser wollte die Bescheinigung aber nicht anerkennen, sondern verlangte eine Kopie der Seite des Mutterpasses, wo der Entbindungstermin steht. Man kann nun ein vertrautes Verhältnis zum Arbeitgeber haben und dieser Aufforderung nachkommen oder man arbeitet in einer großen Firma als Anonymus und möchte nicht, dass die vertraulichen Daten, die da noch notiert sind, in die Firma gelangen. Dann muss man schon einmal den Mut fassen und das Gewerbeaufsichtsamt zur Aufklärung und Vermittlung einschalten, um seine persönlichen Grenzen zu schützen.

Okay, was hat das mit Kindern zutun? Muster, in denen man steckt und ohne Selbstreflektion und harter Arbeit nicht heraus kommt.

Warum also soll ich ein Baby weinen lassen, wenn es die einzige Art ist, sich ausdrücken zu können? Warum bekomme ich ein Kind, wenn ich nach dem ersten Jahr die Nase voll habe, als emanzipierte Frau gesehen werden möchte, das Kind in die Krippe gebe und nach ein paar Wochen zwar feststelle wie sehr mir die Arbeit gefehlt hat aber völlig überlastet mit Arbeit, Haushalt und dem Bedürfnis vom Leben meines Kindes etwas mitzubekommen bin?

Klar, nun richte ich wieder und es schwebt das Damoklesschwert über meinem Haupt. Möge es mir in der Verdammung der Gesellschaft gut ergehen, Amen.

Wie oft lese ich, dass es den Müttern das Herz zerreißt, wenn sie ihr Kind während der Eingewöhnung im Gruppenraum weinen hören und womöglich auf einem harten Kinderholzstuhl ins Schwitzen geraten, während sie sich krampfhaft davon abhalten in den Gruppenraum zu stürzen und das Kind ganz fest in den Arm zu nehmen? Viel zu oft. Und ich frage mich jedes Mal, warum sie sich und dem Kind so etwas antun müssen. Die kognitive Entwicklung eines einjährigen Kindes ist nicht einmal annähernd soweit, dass es wirklich und wahrhaftig versteht!, dass Mama ja wieder kommt. Vielmehr werden sie darauf konditioniert einfach auszuhalten, was Erwachsene oft als das Traumland bezeichnen: Spielzeug und Kinder zum Spielen.

Hey, so eine Kita ist aber immer voll. Es ist laut. Und anders als auf dem Spielplatz, wo ein Elternteil ganz gut auf zwei Kinder achten kann, sehen 2 Erzieher auf 16 Kinder nicht einmal annähernd die Hälfte von dem, was entscheidend ist, damit so ein Kitaalltag schonend für die ganz Kleinen abläuft.

Ein super Beispiel hat mein Mann vor 3 Jahren geliefert: er würde es niemals einen einzigen Tag in einer Kita aushalten, weshalb der Job eines Erziehers absolut gar nichts für ihn wäre. Total okay. Es ist wirklich nicht jedermanns Sache. Das ist aber mit jedem Job so. Und nun einmal anders gedacht: es wird von der Gesellschaft erwartet, dass man sein Baby mit einem Jahr in die Krippe stopft, wo viele andere Babies und Kleinkinder sind, weil sie sonst nicht als sozial integriert gelten. Und das muss so sein, weil man heut zu Tage eher selten privat mit anderen Müttern und ihren Kindern zusammen kommen kann, da es oftmals in einem Profilieren, Konkurieren und Gezicke endet.

Warum sollte sich dieser kleine Wurm anders fühlen als ein Erwachsener Mann? Einmal davon abgesehen, dass die kognitive Entwicklung zwischen diesen beiden Generationen Welten betrifft und die elterliche Bindung nicht zu vergleichen mit der Fremdbetreuung ist.

Würden Eltern tatsächlich sehen wie oft ihre Kleinen nach Mama und Papa weinen, dann würden sie anders darüber denken. Aber viel zu oft bekommen sie es nicht mit, weil die Erzieher dies verschweigen, um zum einen nicht als inkompetent zu wirken und zum anderen, um ein mögliches Klammern der Eltern zu verhindern. Das ist eine klasse Vertrauensbasis – einmal davon abgesehen, dass Erzieher auch nicht alles mitbekommen. Schuld ist da sicher der Betreuungsschlüssel und der Mangel an Tagesmüttern, die auch die größeren Kinder betreuen dürfen.

Für mich kam eine Fremdbetreuung bis zum dritten Geburtstag nicht in Frage. Erst da beginnen Kinder zu verstehen. Und gleichzeitig können sie sich weitestgehend sprachlich äußern, sodass weniger Frustration auf allen drei Seiten entsteht.

Man nennt das bedürfnis- und bindungsorientiert. Kinder müssen nicht mit einem Jahr lernen, dass ihre Eltern nicht immer für sie da sein können. Sie haben bis zur Volljährigkeit Zeit, um ihre Selbstständigkeit zu erlangen und sich in ihrem eigenen, individuellen Tempo abzunabeln. Anderenfalls lernen sie eher, dass sie nicht um Hilfe weinen brauchen (später dann fragen), weil sowieso niemand darauf reagiert. Und schon haben wir den perfekten Sohn geschaffen, der keine feste und lange Beziehung eingehen kann, weil er nicht weiß wie das geht und gleichzeitig Angst vor weiteren Enttäuschungen hat, die das Unterbewusstsein in so jungen Jahren durch das Konditionieren gelernt und abgespeichert hat.

Das Argument, was mir immer entgegen gebracht wird: dein Kind muss lernen sich in der Gesellschaft zurecht zu finden.

Nein. Mein Kind muss einzig und allein lernen, dass es Bedürfnisse hat, die erfüllt werden können und sollten. Es soll sich selbst kennen lernen und wissen, was es von sich und der Welt erwartet. Mein Kind soll gestärkt in die Welt hinaus treten und eigene Spuren hinterlassen, anstatt sich zwischen Zwängen und Normen hindurch zu hangeln und immer wieder abzustürzen, weil es einfach nicht hinein passt/passen möchte.

Ein weiteres wäre tatsächlich noch: so lernt dein Kind nie mit anderen Kindern zu spielen.

Das stimmt so auch nicht. Denn es kann durchaus auch außerhalb der Kita mit anderen Kindern spielen. Das Problem daran ist, dass es einfach unnormal ist, wenn man kitafrei erzieht und lebt und somit kaum noch Kinder im Kleinkindalter mit einem Elternteil daheim sind, um als Spielpartner und Freund da zu sein.

Ich beobachte immer wieder, dass der Räubi so wunderbar offen auf andere Kinder zugeht, wenn wir unsere Zeit auf Spielplätzen und in Parks verbringen, während besagte Kinder eher erschrocken zurück weichen und sich verschließen, weil sie nicht in der Lage sind außerhalb der Kita auf andere, neue Kinder zuzugehen. Ich bezweifle, dass das gesund für die Bindungsorientierung ist.

Nun, es fühlen sich garantiert wieder eine Menge Menschen – insbesondere Mütter – angegriffen. So fühle ich mich schließlich auch, wenn man mich für blöd erklärt und meint, dass ich keine Ahnung habe. Ich denke allerdings, dass Ahnung haben in erster Linie damit zusammenhängt, dass man sich informiert. Und in der Regel macht mein Gegenüber eben jenes nicht.

Für mich ist es allerdings in Ordnung, dass andere Menschen andere Ansichten dazu haben. Jeder kann das tun und denken, was er oder sie für richtig hält. Das toleriere ich solange, bis jemand persönlich wird. Ich erwarte nämlich ebenso, dass meine Meinung dazu respektiert wird.

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