#freitagsklatsch

Eigentlich bin ich ein realistisch denkender, gern lachender Mensch. Korrigierend muss ich sagen, dass ich das war. Heute bin ich anders. Größtenteils funktioniere ich nur noch, denn Emotionen schießen mittlerweile fast ausschließlich in die verkehrte Richtung. Man könnte nun meinen, dass es eine Depression ist. Vielleicht hätte man damit auch recht. Im Prinzip macht es mich tatsächlich depressiv. Ein einziger Satz kann wirklich enorm viel Schaden anrichten. Nicht in Bezug auf Sachliches. Ein einziger Satz kann wie ein Schlag in die Magenkuhle ganz tiefe Wunden hinterlassen.

Sie sagen immer, Sie haben ein krankes Kind Zuhause. – Sie ist nicht krank. Sie hat einen seltenen Gendefekt. Sie ist BEHINDERT! Diese Sonderrechte muss ich ihr nicht abreden lassen.

Es gibt Sätze, die einem egal sind, weil betreffende Person keine Ahnung hat und man keinen Schmerz auf das eigene Seelenkonto verbuchen muss. Es gibt Sätze, die furchtbar wütend machen, weil betreffende Person keine Ahnung hat und ganz viel Schmerz verursacht. Es gibt Sätze, die unfassbar traurig machen, weil betreffende Person keine Ahnung hat und augenscheinlich das Leben nicht zu schätzen weiß.

Ich habe mich total erschrocken, als ich die hässliche Fresse gesehen habe. – Junger Mann, du bist auch nicht gerade eine Augenweide. Ein Modell wirst du jedenfalls nicht abkriegen.

Ich weiß gar nicht so genau, warum sich vieles im #freitagsklatsch so um die Gesellschaft und die persönlichen Hürden dreht. Letztendlich kann ich dazu nur Vermutungen anstellen. Als Bauchmensch denke ich trotzdem rund um die Uhr nach. Ich hinterfrage, ich reflektiere, ich gestehe mir Fehler ein und ich mache Dinge, die ich eigentlich aus Bequemlichkeit nicht machen mag. Und leider sind das Faktoren, die zwangsläufig immer dazu führen, dass man aneckt. Wer nicht mit dem Strom schwimmt, kommt schlechter voran, entdeckt aber so viel mehr als andere, die sich von der Masse blenden lassen.

Was will die denn jetzt schon hier? – Verzeihung, man warf mir eine Einladung in den Briefkasten. Aber vielen Dank, dass ich so unerwünscht bin.

Wovon labert die Alte eigentlich schon wieder? Ich rede davon, dass DU wertschätzen sollst, was du hast. Oder auch nicht hast. Schau dir deine Tochter an, die mit ihrem Auto zur Arbeit fährt, dabei wohl noch genüsslich eine Zigarette qualmt und vom nächsten Urlaub am türkisfarbenen Meer träumt, an dem sie hoffentlich einen Antrag erhält. Das hätte alles ganz anders laufen können. Und anstatt glücklich darüber zu sein und etwas für das Karma zutun, zeigst du mit dem Finger auf andere Leute, stellst Anforderungen und mäkelst umher.

Klasse. Ich bin just in moment auch kein Deut besser. Ich kritisiere. Dabei ist es jedem selbst überlassen, was er oder sie schätzt oder welche Meinung man äußert. Richtig. Und manchmal fällt einem das erst auf, wenn man einen ganz fiesen Spiegel vorgehalten bekommt. Den meisten Menschen tut es wahnsinnig weh, wenn sie in den Spiegel schauen müssen. Sie sperren sich, werden wütend, wollen schreien und toben.

Und das absurde daran ist: es ist völlig okay. Ja, man darf wütend sein.

Ich bin wütend. Ich bin traurig. Ich bin enttäuscht. Bevor ich Kinder hatte, wusste ich nicht wie egoistisch ich bin. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht wie sich jemand in meiner Gegenwart fühlt, der, getrennt durch eine Wohnwand, zwangsläufig mein lautes Leben miterleben muss. Der Kreativität der Gedanken sind an dieser Stelle keine Grenzen gesetzt.

Doch mittlerweile ist es anders. Ich schaue mir meine Kinder an. Ich sehe ihre Gesichtszüge, ihre Gestik. Ich registriere ihre Abwehrhaltung, wenn ihnen jemand zu nahe kommt. Ich höre, wenn sie lautstark zu verstehen geben, dass sie mit der Situation überfordert sind. Es zerreißt mich, wenn ich ihre Bedürfnisse nicht erfüllen kann. Und letztendlich sind wir die einzigen, die für unsere Kinder kämpfen können. Wenn wir es nicht tun, dann macht es niemand. Und ja, auch ich möchte, dass meine Kinder gesehen werden. Sie existieren genauso wie andere Kinder.

Schrecklicherweise erlebe ich fast jeden Tag, dass sie einfach überrannt werden. Es werden völlig utopische Anforderungen gestellt – nein, ein fast dreijähriger, autonomer Junge kann nicht eine halbe Stunde still und stumm auf einem Stuhl ausharren! – und die Bedürfnisse werden ignoriert. Hey, wenn mein Kind jemandem suggeriert, dass er nicht berührt werden möchte, dann ist das ausnahmslos zu akzeptieren. Auch – und insbesondere – von einem Arzt, der sich meinem Kind nicht vorstellen kann oder es überhaupt nicht direkt ansprechen kann.

Ich kann ein Beispiel anbringen: wehen, wehen, wehen, Einleitung, Einleitung, alles auf Anfang und abwarten, wehen, Schmerzen, Schmerzen!, Kaiserschnitt. Kaum aus dem OP wird einem eröffnet, dass das nicht einmal einen halben Tag junge Baby, welches einem in einem kalten OP-Raum aus dem Bauch geschnitten wurde, auffällig aussieht. Klar, als Mutter registriert man schon selbst Sonderheiten. Und trotzdem ist es wie ein Schlag ins Gesicht. Nichts ist wie es war. Wie es sein sollte. Und schon ist man umgeben von einem Orthopäden, der einem erklärt, dass man verantwortungslos ist, weil das Kind eine OP brauchen wird, wenn man nicht augenblicklich die direkt nach dem Wickeln Zuhause vergessene Tübinger-Hüftbeugeschiene anlegt. BÄM.

Es gibt Momente, da kann ich tief einatmen, nett Lächeln und mir denken: das kann ich hier definitiv nicht wiedergeben. Dies war übrigens einer dieser Momente. Ich nahm mein Kind und machte eben das, was ich gelernt hatte und intuitiv für richtig hielt. Im Endeffekt konnte ich es nicht besser machen. Ich habe meinem Kind etliche Qualen erspart.

Sie sind aber nicht alle so. Die Ärzte. Es gibt auch Gute. Es gibt auch gute DJ’s. Mittlerweile weiß ich, wen ich nicht engagiere, sollte es jemals Luft für eine Hochzeit mit Kirche und allem drum und dran geben. Und ja, es gibt auch gute Nachbarn.

Manchmal sehen sie einfach nur weniger nett aus. Manchmal agieren sie auch weniger nett, weil sie müde sind. Weil sie gestresst sind. Weil sie in ihrem Leben festhängen. Manchmal habe ich dafür Verständnis. Ganz oft aber nicht. Auch ich muss mich mit meinem Gepäck durch den Urwald kämpfen und kann nicht immer darauf eingehen, was andere erwarten. Täte ich dies, dann würde es mich nicht mehr geben. Ich würde meine eigene Existenz auslöschen. Ja, der eine oder die andere fände das total klasse. Hey, völlig legitim. Ich schieße den einen oder die andere regelmäßig in meinen Gedanken zum Mond. Manchmal überlege ich mir auch, ob ich sie nicht mit dem letzten Marsriegel bestechen könnte. Und, wenn ich ganz viel Zeit habe die total absurden Gedanken weiter zu spinnen, dann sehe ich mich in einem netten Plausch wieder. Bis mir einfällt, dass ich nur auf der falschen Straßenseite laufen muss, um mir wieder den ein oder anderen doofen Spruch anhören zu müssen.

Just in moment kehrt die Realität zurück und ich weiß wieder, warum ich selten Menschen mag. Erstaunlicherweise – und das fällt mir gerade in diesem Moment mitten in der Nacht auf – komme ich sehr gut mit den Therapeuten klar, die wir wöchentlich anfahren müssen. Niemals hätte ich das geglaubt. Waren das doch wieder diese unangenehmen Dinge, denen ich mich stellte, obwohl sich alles in mir dagegen wehrte.

Hey, und vielleicht sollte ich aufhören mir Gedanken darüber zu machen, dass sich andere genauso wie ich fühlen könnten. Ausgelaugt und müde. Genervt von lauter Musik, unangemessenen Sprüchen. Ein Bedürfnis nach mehr rücksicht innehabend. Vielleicht ärgert es mich dann weniger, wenn ich wie andere wenigstens in diesem Bereich des Lebens mit dem Strom schwimme. Und ganz unvielleicht stelle ich fest, dass mir dieses Arschlochgen fehlt. That’s not me.

Und noch etwas: ich habe den Jahreswechsel mehr mit Freude als mit Wehmut verbracht. Es steht also 1:1 zwischen Nein, was? Schon ein Jahr alt? Wo ist nur die Zeit geblieben?  und Endlich ist der Schrecken vorbei. Endlich ist sie eine ganz Große. Endlich ist das Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Das Ganze unterscheidet sich nur durch diesen einen einzigen, seltenen Gendefekt. Keine Krankheit. Eine Behinderung.

Der Absprung in die Intoleranz beginnt dann, wenn ich mich dem gegenüber verschließe, was mir begegnet.

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