Mittelfingermittwoch und wie er sonst noch heißt …

Schon wieder sitze ich allein auf der Couch. Der Abend war wirklich ätzend. Nachdem ich den Tag – fragt mich bitte nicht wie ich solche Tage schaffe ohne den Verstand zu verlieren – tatsächlich ganz gut gemeistert habe, kommt der allabendliche Zu-Bett-bring-Kampf mit den Kindern.

An Abenden wie diesen, wo der Mann außer Haus ist, weil der Dienst oder eine Weiterbildung oder ein Kommando seine Anwesenheit verlangt, da muss ich ein ziemlich eigensinniges Kleinkind mit starkem Charakter und ein Baby mit Gendefekt, welches massive Schlafprobleme hat, fast gleichzeitig ins Bett bringen. Nachdem ich also irgendwie versucht habe meinen Teil des Haushalts zu erledigen und das auszugleichen, was der Mann übernimmt, wenn Dienstende ist, bin ich nach dem Bespaßungsprogramm und der ganztäglichen Schlepperei so ziemlich k.o und furchtbar müde. Meine sowieso schon dünnen Nerven sind quasi nicht mehr vorhanden, wenn irgendjemand hupen muss, anstatt einfach ein paar Meter für einen Gruß zu gehen und das schon eine gute Stunde anhaltende Baby-im-Schoß-schaukeln und abwechselnd den geforderten Nuckel oder die Milch in den Mund stecken eigentlich voll für den Allerwertesten war, weil das gerade mit den Augen klimpernde Baby plötzlich wieder ganz wach und hellhörig ist. Könnte irgendjemand meine Gedanken lesen, dann würde niemand mehr in meiner Nähe Leben wollen.

Natürlich herrschen bei guten 30 Grad Celsius Außentemperatur unter dem Dach saunaähnliche Zustände. Und wie der Klassiker so will, kann man natürlich nicht das Fenster geöffnet lassen. Wenn Kinder im Sommer aber im Auto dahin vegetieren müssen, weil Muddern sie nicht mitschleppen möchte, dann wird ein riiiiiieeesen Drama daraus gemacht. Nur meine Kinder müssen bei gefühlten 40 Grad Celsius einen Hitzeschlag bekommen. Wie kann man auch von erwachsenen Menschen erwarten, dass sie nicht mehr um 19:30 Uhr den Rasen mähen, obwohl sie schon eine ganze Weile von der Arbeit daheim sind. Ist ja nicht so, dass ich die erste Mutter bin, die froh darüber ist, wenn die Kinder abends schlafen. Das vergisst man aber wohl ganz schnell, wenn die Kinder älter sind. Und dann ist es einem egal, dass andere da auch irgendwann durch müssen und nimmt natürlich keine Rücksicht.

Ich kann das total gut nachvollziehen. Mit dem Vergessen. Unsere Tochter wird demnächst ein Jahr jung. Und ich kann mich kaum noch daran erinnern wie ich die ersten Monate geschafft habe. Ich weiß nur noch, dass ich irgendwann an einem Punkt angekommen bin, an dem ich verstand, weshalb Mütter ihre Kinder umbringen. Weshalb sie Babies zu Tode schütteln. Weshalb sie sie in Plastiksäcke verpacken und auf einem Rastplatz liegen lassen. Und nun erwarte ich in den nächsten Tagen Besuch vom Jugendamt, weil sich wieder einmal jemand daran stößt, dass ich einfach ehrlich bin. Dass auch ich in einer Situation war, wo ich keinen Rat wusste, absolut am Ende meiner Kräfte war und trotzdem niemand helfen wollte. Dabei wäre es so einfach gewesen. Ganz einfach. Unsere Gesellschaft ist aber nicht mehr in der Lage dazu diese Dinge umsetzbar zu machen. Und deshalb kam ich an diesem Punkt der absoluten Hilflosigkeit und musste es ganz allein da heraus schaffen.

Niemand kann mir bis heute das Gefühl geben mich zu verstehen. Und noch viel schlimmer ist, dass ich sogar eine ganze Menge Unverständnis und Erwartungen entgegen gebracht bekomme. Nein, für mich ist der Gendefekt, die Behinderung, keine bequeme Ausrede oder ein vorgeschobener Grund. Es ist eine tatsächliche Belastung. Nicht nur für mich. Auch für beide Kinder. Jeden Tag reiße ich mir ein Bein aus, damit es wenigstens für die beiden Kleinsten weniger schlimm ist. Aber auch ich bin nur ein Mensch. Und irgendwann kommt auch bei mir der Moment, an dem ich keine Akzeptanz anderen gegenüber verspüren kann.

Fast ein Jahr ist um. Mein Gott, es ist wirklich erschreckend, was andere von mir verlangen. Was ich alles tun muss. Wofür ich Verständnis haben soll. Woran ich schuld sein soll. Und das nur in diesem einen kurzen Jahr. Dem ersten Jahr. Dem schwersten Jahr.

Wie dreckig ist es bitteschön, dass ich als erwachsene Frau in der Lage bin einem anderen Erwachsenen gegenüber zu treten, erkläre, was mein Problem ist und dann einfach wie ein räudiger Köter – Verzeihung an die Tierliebhaber, eine bessere, sinnbildliche Beschreibung fällt mir dazu tatsächlich nicht ein – behandelt werde? Wie abartig muss ein Mensch sein, der dann auch noch Forderungen stellt? Ganz ehrlich? Früher interessiert mich nicht. Früher hat man nämlich Kinder geschlagen. Früher hat man Menschen in die Gaskammer gesteckt. Ist früher nun also ein Argument dafür, dass niemand in der Lage ist sich weiter zu entwickeln und sich vernünftig mit einem anderen Menschen zu unterhalten ohne den nötigen Respekt aus Arroganz einfach abzulegen?

Laaaaaaaaaber Rhabaaaaaarber.

Ja, ich bin genervt. Ja, ich bin sauer. Ja, ich habe keinen Bock meine wertvolle Energie und Zeit für solche Menschen zu opfern, die das, was ich meistern muss, nicht einmal ansatzweise schaffen würden. Ja, ich würde gerne die linke Pobacke von der rechten Pobacke desjenigen reißen, der meint, dass ich mein Leben nicht auf die Reihe kriege. Ja, ich kann mir erlauben so etwas zu schreiben. Ja, ich wühle mit meinen Kindern im Sand und hüpfe mit ihnen auf dem Trampolin, während andere ihre Kinder für 8 Stunden und mehr in der Kita abgeben. Ja, ich finde das scheiße. Ja, mir tun andere Kinder manchmal leid, wenn ich ein wenig Mitleid über habe. Ja, ich finde mein Leben anstrengend und unfair. Aber Gott verdammt noch einmal, ja, ich liebe mein Leben auch mindestens genauso sehr. Ja, ich verdamme diesen seltenen Gendefekt. Aber Gott verdammt noch einmal, ja, ich liebe ihr Lachen und ihre Augen, das stundenlange im Arm schaukeln und ihre anhimmelnde Art ihrem Bruder gegenüber. Ja, ich hasse es zu sehen wie sehr sie sich während der Therapien quälen muss. Aber ja, ich liebe es, wenn sie sich darüber freut, dass sie einen Fortschritt gemacht hat. Ja, ich liebe es wie sie sogar ihre Therapeuten anhimmelt und ihnen ihre antreibende, weniger nachgiebige Arbeitsweise schnell wieder verzeiht.

All die Fahrerei, das Geschrei, das ganztägliche umher Tragen, das Unverständnis von Ärzten, die keine Ahnung haben und einfach nur ihr Ding machen anstatt sich anständig mit der Fachliteratur auseinander zu setzen, Stationsschwestern, die keinen Respekt vor den Gefühlen meiner Tochter haben, Nachbarn, die ihr eigenes, unsoziales Verhalten verdrängen und mit schmutzigen Fingern auf andere Leute zeigen … es ist so ermüdend in dieser Gesellschaft zu überleben, wenn man nicht dem Durchschnitt entspricht. Und es ist wirklich traurig, dass ein seltener Gendefekt, bedingt durch eine spontan aufgetretene Degeneration, schon vom Durchschnitt ausschließt.

Genauso fühle ich mich. Ausgeschlossen. Weil ein normales Leben nicht möglich ist. Es wird immer etwas anders sein. Und man muss immer seine Position verteidigen. Man ist ständig am Kämpfen. Egal, ob man das möchte oder nicht. Einfach so daherleben, in Ruhe, ist nicht möglich. Täglich gibt es Reibungspunkte mit der Umgebung, die einen in ständige Alarmbereitschaft versetzen. Klar, kann wieder niemand nachvollziehen. Wie denn auch, wenn man so etwas nicht kennt und auf hochnäsige Art und Weise vergisst wie wertvoll Gesundheit ist?

In letzter Zeit fällt mir immer öfter auf, dass alles viel einfacher ist, wenn der arbeitet und die einfach nicht da ist. Nicht ihren Mund aufmachen kann. Wenn ich seine Visage nicht ertragen muss. Oder sie nicht aufsuchen muss, um wieder auf diesen Kontakt angewiesen sein zu müssen. Damit meine ich sie alle. Jeden.

Die Zeit hat keine Bedeutung, wenn wir nur wir sind. Ohne alle. Wenn der Wind weht, die Sonne lacht, die Vögel ihre Lieder anstimmen, das Wasser rauscht, das Gras kitzelt und der Sand klebt. Wenn man nicht angespannt darauf warten muss, was als nächstes kommt. Wenn man ganz man selbst sein kann: stolz, fröhlich, glücklich. Für den kurzen Moment, wenn Alle irgendwo sind. Hauptsache nicht da.

Das da. Das ist mein tägliches Leben. Ignoranz, Arroganz, Egoismus, Hochnäsigkeit, Besserwisserei. Und der Dreck an den Händen anderer wird immer mehr. Es ist wie eine Seuche. Es geht nicht nur mir so. Es ist wirklich eine Seuche der Gesellschaft. All die besonderen Kinder und ihre Eltern und Geschwister – mein Herz ist nicht groß genug, um die Traurigkeit fassen zu können, dass sie alle das Gleiche erleben.

Ein guter Meter selbstbewusster Räubi baggert sich seinen Weg durch den Sand.

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Winzig kleine 70cm kämpfen jeden Tag mit schwachen Muskeln um jeden Fortschritt und könnten schöner und strahlender nicht sein.

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Mit all diesen unangenehmen Blicken und dem Getuschel im Rücken, dem Kopfschütteln und abwertenden Worten ziehe ich jeden Tag meine Runden mit diesen zwei kleinen Wunderkindern und hoffe auf eine bessere Welt. Dabei staune ich jeden Tag aufs Neue wie viel Kraft ein Muttertier haben kann. Die Mausi im Tuch, den Rucksack auf dem Rücken und den Räubi auf den Schultern – mit großen Schritten voran kommend. Weit weg von all dem hier.

Ohne Tränen gäbe es kein Regenbogen. Oder so ähnlich.

Mit all diesen Erlebnissen und Erfahrungen ist es völlig okay links und rechts, vorn und hinten die Mauer aufzubauen und niemanden mehr sehen zu wollen. Es ist völlig okay, dass Menschen so widerlich sind, wenn man das nicht allein ertragen muss. Es ist ganz gut, dass es Gleichgesinnte gibt, die traurig und verständnisvoll bestätigen und tröstende Worte wie Salbe auf die Seele legen. Es tut nicht weh, dass man sich nicht mehr daran erinnern kann, wann man das letzte Mal ein schönes Gespräch mit einem durchschnittlichen Menschen hatte. Das ist wohl Fügung des Schicksals. Wo sonst sollten all die besonderen Regenbogenkinder gut aufgehoben sein? Ganz vielleicht ist sie ja das kleine Mädchen von damals.

 

Und so ganz nebenbei: ja, man kann sich normal mit mir unterhalten. Ja, ich bin eigentlich ganz nett und helfe gern. Ich muss nicht immer so abwertend, rabiat und überaus sarkastisch sein. Aber nein, ich hasse es, wenn Menschen nur genervt reagieren und sich wegdrehen, wenn ich ihnen so normal und respektvoll gegenüber trete. Nein, manchmal gibt es eben dieses Ich nicht umsonst. Manchmal muss man auch einfach bereit sein, etwas dafür zu geben. Und ganz oft ist es ein ganz einfaches über den eigenen Schatten springen.

3 Kommentare zu „Mittelfingermittwoch und wie er sonst noch heißt …

Gib deinen ab

  1. oh mann – du sprichst mir aus der seele. gerade das mit dem rasenmäher und vergessen wie schwer es war die eigenen kinder ins bett zu bekommen – ich kenne das nur zu gut. am liebsten würde ich dann einfach die nachbarn killen. anscheinend haben aber nicht alle das problem mit den nicht-schlafen-wollenden-kindern.
    bei den nachbarn mit 4 kinder sind alle um 10 oder 11 noch wach und toben im garten – während meine große morgens um 6 aufstehen muss. ganz geschweige davon, dass ich auch mal meine ruhe haben will.
    da würd ich gerne für ruhe sorgen – und das ohne mit der wimper zu zucken *lach*.

    genausogut kenne ich den punkt, an dem man einfach nicht mehr kann. an dem man sich fragt, warum man überhaupt ein kind bekommen hat. wüsste man das vorher – ich glaube – ich hätte mich anders entschieden.
    doch wenn diese wirklich schwere zeit vorbei ist und sie die schule (fast) geschafft haben, dann kann ich mir gar nicht mehr genau vorstellen, wie verzweifelt ich damals war.

    früher war nicht alles besser – früher hat sich niemand einen kopf gemacht, ob das gut ist fürs kind oder nicht. da hat man aus dem bauch heraus erzogen – zumindest die meisten. mein mann ist auch so ein „verkorkstes“ kind.
    bin ich froh, dass meine mutter einigermaßen „fortschrittlich“ war.

    ich wünsche dir ganz ganz viel kraft und durchhaltevermögen und alle unterstützung, die du bekommen kannst und verdienst.

    Liebe grüße
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    1. Ach du Liebe!
      Toll, dass du schreibst, das auch du so deine Probleme mit dem „umherleben“ anderer hast. Nein, eigentlich ist es nicht toll. Es ist vielmehr traurig, dass niemand mehr in der Lage ist über die eigenen 4 Wände hinweg zu denken. Mein Mann muss alle zwei Wochen kurz vor 5 Uhr hoch und zur Arbeit. Er ist auch nicht glücklich darüber abends nicht ruhen zu können. Von seinem Job hängen Leben ab. Total klasse, wenn man übermüdet zur Arbeit kommt.
      Andere Kinder schießen um 21 Uhr mit dem Ball auf der Straße umher. Da könnte ich wie Rumpelstilzchen den Ball nehmen, ein Feuerchen drauß machen und wie eine Irre drum herum hüpfen und mein Hexenlachen durch die Nachbarschaft hallen lassen.
      Da hilft nur gaaaaaanz viel WUUUUUUUUSAAAAA und Samstag Morgen um 7 Uhr mit der Motorsense gaaaaanz penetrant mähen! Das lieben wirklich alle!!!

      Liebe Grüße und gaaaaaanz dicke Nerven!

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